Interview – Wie entsteht ein Duft?

Herr Schmitt, Sie sind ein erfahrener Parfümeur und Ihre Nase ist sozusagen Ihr Werkzeug. Spinnrad selbst hat viele Parfümöle im Sortiment, von denen Sie viele selbst kreiert haben. Was genau macht einen guten Parfümeur und ein gutes Parfüm aus?

Michael Schmitt || Ein Parfümöl ist eine Mischung von vielen Geruchsmolekülen, die alle zusammen, ähnlich der Farben einer Malerei, ein Geruchsbild darstellen. Während ein Bild jedoch zweidimensional ist, hat ein Parfüm eine dritte Dimension, nämlich den Duftablauf in der Zeit.

Aufgabe des Parfümeurs ist es, die Duftmoleküle nach Ihrer Verdunstungsgeschwindigkeit (physikalisch: Dampfdruck) so zu kombinieren, dass sie ein harmonisches Duftbild abgeben. Hinzu kommt der ästhetische Eindruck. Das Parfüm sollte sympathisch riechen.

Parfümeur ist kein Lehrberuf. Als Laborant eines erfahrenen Seniorparfümeurs wiegt man dessen Versuche ab und kommt so in Kontakt mit den Riechstoffen. Kenntnisse in Chemie und Biologie sowie Notizen zu den einzelnen Riechstoffen (Kopf-, Herz- oder Basisnote, Stabilität und Verfärbung) sind unabdingbar.

Es gibt blumige, süße, aber auch orientalische Parfümdüfte und scheinbar lassen sich viele verschiedene Duftnoten gleichzeitig erahnen. Aus wie vielen verschiedenen Inhaltsstoffen besteht ein Parfüm? Und sind diese Komponenten natürlichen oder synthetischen Ursprungs?

M. S. ||  Je nach der Zielvorstellung, ob es sich um einen klar definierten Duft wie Apfel, Lavendel, Rose oder um ein komplexes Phantasie „Eau de Toilette“ handelt, kann ein Parfümöl aus wenigen (10 bis 15) oder aus vielen (bis zu 60 – 70) Komponenten bestehen.

Heutzutage besteht ein Parfümöl zu etwa 90% aus synthetischen 
Molekülen. Hierbei muss man folgendes wissen:

  • Dass etherische Öle von Natur aus schon aus sehr vielen Inhaltsstoffen (manchmal mehrere Hunderte) bestehen.
  • Dass die Anzahl der etherischen Öle und Naturextrakte auf circa 300 verschiedene begrenzt ist, während mindestens 3.000 synthetische Riechstoffe zur Verfügung stehen und erst die Phantasie-noten ermöglichen.
  • Dass natürliche Produkte wesentlich teurer sind. Und in der Natur 
auch viele Gifte vorkommen, die nicht verwendet werden können.

Die Möglichkeiten rein natürliche Phantasie-Duftbilder zu kreieren sind demnach äußerst begrenzt.

Von den einzelnen Duftnoten bis zum fertigen Parfüm: Wie kann man sich den Herstellungsprozess eines klassischen Duftes vorstellen?

M. S. ||  Hier muss man Auftragsarbeit von reiner Kreation unterscheiden. Sollen Varianten auf bekannte Duftthemen erarbeitet werden, so geht man von einer schon bestehenden Rezeptur aus der Bibliothek aus. Das ist heute die vorherrschende Methode. Erfolgreiche Parfüms ziehen neue Erfolge hinter sich her.
Reine Kreation entsteht meist aus einem Grundakkord zweier Duftnoten mit langer Haftung. Ihnen fügt der Parfümeur nach und nach weitere Elemente hinzu und schmückt sie aus. Dieser Prozess kann Monate oder sogar Jahre dauern, da sich Eingebungen bekanntlich nicht erzwingen lassen.

Experten sprechen bei Parfümen auch von einer Herz-, Kopf- und einer Basisnote. Können Sie diese kurz beschreiben?

M. S. ||  Das ist leicht zu verstehen. Ich sprach oben von der dritten Dimension eines Parfüms im Vergleich zu einer Malerei: Es geht dabei um einen „Duftablauf in der Zeit“, den ich genauer erklären möchte:
Jeder Riechstoff hat einen mehr oder weniger schnellen Duftablauf.

  • Zitronenöl nimmt man auf einem Riechstreifen nach ca. 10 Minuten kaum noch wahr. Es handelt sich hierbei also um eine Kopf- oder 
Spitzennote.
  • Lavendelöl kann mehrere Stunden deutlich wahrgenommen werden, es handelt sich dabei also um eine Herz- oder Körpernote.
  • Sandelholzöl kann sogar nach 14 Tagen noch deutlich wahrgenommen werden – es ist also eine Fond- oder Basisnote

Es gehört zum Metier des Parfümeurs, diese Eigenschaften der Riechstoffe zu kennen und seine Kreation so aufzubauen, dass ein harmonischer Duftablauf gegeben ist sowie Kopf-, Herz- und Basisnoten harmonisch ineinander übergehen. Bei einer gelungene Duftkreation sollte der Eindruck eines linearen Duftbilds ohne eklatanten Bruch entstehen.

Nun steht man vor dem scheinbar endlosen Parfümregal und soll sich für einen Duft entscheiden. Nachdem man die Qual der Wahl getroffen hat, stellt sich die Frage: Eau de Toilette oder Eau de Parfum?

M. S. ||  Zuerst sollte man sich fragen: „Was suche ich?“
A   ein Parfüm für tagsüber
B   ein Parfüm für den Abend
C   ein Frühling-/Sommer-Parfüm
D   ein Herbst-/Winter-Parfüm

Dann geht es um die Wahl des Parfümcharakters:
A   frisch bis frisch-blumig
B   floriental = blumig-orientalisch für den Abend
C   orientalisch, also schwerer für den Abend
D  chypreartig, holzig-herb, sportlich, elitär, etwas polarisierend

Da die Nase ohne Übung recht schnell ermüdet, sollte man sich in der Parfümerie nur Noten seiner Vorauswahl zeigen lassen. Wichtig ist, dass das Parfüm einem selbst gefällt: Man sollte Lust haben, es zu tragen. Ob Eau de Toilette oder Eau de Parfum hängt ebenfalls von der persönlichen Erwartung ab.

Zum Schluss noch ein Tipp für unseren Alltag: Wie findet man das perfekte Parfüm? Was kann ich tun, damit es länger hält und gibt es bei Parfümen ein Verfallsdatum?

M. S. ||  Das „perfekte Parfüm“ ist eine subjektive Entscheidung. Wie ich schon sagte, der Duft muss einem selbst gefallen. Der Unterschied zwischen Eau de Toilette (EdT) und Eau de Parfum (EdP) liegt  in der Konzentration.
EdT =  10 bis 15 % Parfümölanteil, 
der Rest besteht aus Alkohol und Wasser
EdP =  15 bis 20 % Parfümanteil, der Rest besteht aus Alkohol und Wasser
Aufgrund der höheren Konzentration hält ein Eau de Parfum normalerweise länger.
Die Beurteilung, ob ein Parfüm lange hält, kann man leider nicht selbst entscheiden. Man bewegt sich innerhalb der eigenen „Parfümwolke“ und nimmt wegen der Ermüdung der Nase das Parfüm kaum noch wahr. Außerdem betäuben manche Riechstoffe auf die Dauer auch etwas die Nase.
Die Haftung eines Parfüms kann mit einem Riechstreifen festgestellt werden, den man in den Duft taucht und dann in ein anderes Zimmer legt, um ihn von Zeit zu Zeit über etwa acht Stunden immer mal wieder anzuriechen.
Parfüms haben eine begrenzte Lebensdauer. Als alkoholische Lösungen sind sie oxydationsanfällig. Deshalb sollte man nie sehr große Flacons kaufen, die halbleer viel Sauerstoff enthalten und so die Oxydation fördern.